Jeden Abend derselbe Satz. „Nur noch diese eine Runde.“ Aus einer Runde werden drei, das Abendessen wird kalt, und am Ende steht wieder ein Streit. Neulich hat sein Sohn das Fußballtraining abgesagt, zum dritten Mal in Folge. Der Vater fragt sich: Ist das noch normal, oder ist mein Kind schon süchtig?
Diese Frage stellen sich viele Eltern, die zu uns nach Köln kommen. Die gute Nachricht vorweg: Nicht jedes Kind, das viel Zeit am Bildschirm verbringt, hat ein Suchtproblem. Entscheidend ist ein anderer Blick.
Problematisch wird es nicht, wenn die Bildschirmzeit groß ist, sondern wenn alles andere im Leben Ihres Kindes klein wird.
Weil uns das Thema in der Praxis immer häufiger begegnet, hatten wir im Oktober 2026 Andreas Pauly zu Gast. Er ist Diplom-Sozialpädagoge, Fachreferent für Mediensuchtprävention sowie Gründer und Vorsitzender des Kölner Vereins Mediensuchtprävention NRW e.V. In einer internen Fortbildung hat er unser gesamtes Team geschult. Die wichtigsten Erkenntnisse daraus, ergänzt um unsere eigene therapeutische Erfahrung, haben wir in diesem Beitrag für Sie zusammengefasst.
Gibt es heute überhaupt noch ein „Offline“?
Viele von uns Erwachsenen sind noch mit einer klaren Trennung aufgewachsen: Man „ging ins Internet“ und danach wieder raus. Diese Trennung gibt es für Kinder und Jugendliche heute nicht mehr, und ehrlich gesagt auch für die meisten von uns Eltern nicht. Freundschaften, Schule, Musik, Nachrichten und Hobbys laufen gleichzeitig über das Smartphone. Fachleute sprechen von der Generation „Always on“.
Für Eltern hat das eine wichtige Konsequenz: Die Frage „Wie lange war mein Kind heute online?“ führt kaum noch weiter. Denn ein Kind, das mit Freund:innen chattet, ein Referat recherchiert und nebenbei Musik hört, ist ständig „online“, ohne dass daran etwas problematisch sein muss.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Ihr Kind online ist. Sondern ob die digitale Welt neben Schule, Freundschaften, Bewegung und Schlaf noch genug Platz lässt.
Warum sind Smartphone, Games und Social Media für Jugendliche so anziehend?
Digitale Medien sind für Jugendliche kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Teil ihres Alltags. Laut der JIM-Studie 2025 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest nutzen 98 Prozent der befragten Jugendlichen ihr Smartphone täglich oder mehrmals pro Woche.
Dahinter steckt mehr als Zeitvertreib. Jugendliche nutzen Medien, um echte Bedürfnisse ihrer Lebensphase zu erfüllen, zum Beispiel:
- Spaß haben und Langeweile vertreiben
- mitreden können und dazugehören
- Anerkennung und Erfolgserlebnisse sammeln
- die eigene Identität entwickeln und sich von der Erwachsenenwelt abgrenzen
Gleichzeitig spüren viele Jugendliche selbst, dass ihnen die Kontrolle entgleitet. In der JIM-Studie 2025 gaben 68 Prozent an, oft viel mehr Zeit am Handy zu verbringen als geplant. 44 Prozent lassen sich bei den Hausaufgaben häufig ablenken, 29 Prozent sind morgens oft müde, weil sie nachts zu lange am Handy waren. Und 67 Prozent sagen, dass sie Zeit ohne Handy und Internet genießen.
Warum fällt das Aufhören so schwer?
Viele Eltern erleben das Aufhören-Können als Willensfrage. Das greift zu kurz. Games, Social-Media-Apps und Streamingdienste sind gezielt so gestaltet, dass wir möglichst lange bleiben. Fachleute sprechen von Dark Patterns, also Designmechanismen, die das Weglegen erschweren:
- Endlose Welten: Das Spiel oder der Feed läuft weiter, auch wenn Ihr Kind nicht dabei ist. Wer aussteigt, verpasst etwas.
- Belohnungs- und Bestrafungssysteme: tägliche Boni, Streaks, Level-Aufstiege, und Verluste, wenn man einen Tag aussetzt
- Push-Nachrichten: ständige Einladungen, sofort zurückzukommen
- Algorithmen: Der Feed lernt, was Ihr Kind fesselt, und liefert genau mehr davon
- Investition in den Avatar: Je mehr Zeit und Geld in eine Spielfigur geflossen ist, desto schwerer fällt es, sie aufzugeben
- Autoplay beim Streaming: Die nächste Folge startet, bevor eine bewusste Entscheidung fällt
Ihr Kind hört nicht schwer auf, weil es keinen Willen hat. Es hört schwer auf, weil die App genau dafür gebaut wurde, dass niemand gern aufhört.
Bei Social Media kommt ein weiterer Faktor hinzu: der ständige Vergleich. Studien zeigen, dass Jugendliche, die sich online häufig mit anderen vergleichen, also mit deren Fotos, Erfolgen oder Körpern, stärker unter geringem Selbstwert, Körperunzufriedenheit und depressiven Symptomen leiden. Besonders passives Scrollen begünstigt den Vergleich nach oben: Die anderen scheinen immer schöner, erfolgreicher, glücklicher.
Welche Formen von Mediensucht gibt es?
Mediensucht ist ein Sammelbegriff. Problematisches Nutzungsverhalten kann sich auf ganz unterschiedliche Bereiche beziehen:
- Gaming (Computer- und Videospiele)
- Social Media (z. B. Instagram, TikTok, Snapchat)
- Streaming (Binge-Watching von Serien, Filmen oder YouTube-Videos)
- Online-Pornografie
- Online-Kaufsucht
- Online-Glücksspiel
Als eigenständige Diagnose hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Computerspielstörung (Gaming Disorder) in ihr Klassifikationssystem ICD-11 aufgenommen. Für die anderen Bereiche gibt es bislang keine gleichwertig etablierte Einzeldiagnose, die Belastung für Familien kann aber ähnlich groß sein.
Ab wann ist es Sucht?
Zwischen „nutzt das Handy gern“ und „ist süchtig“ liegt ein breites Spektrum. Das Phasenmodell nach Kai Müller (2022) unterscheidet fünf Stufen der Internetnutzung:
- unauffällige Nutzung
- intensive Nutzung
- exzessive Nutzung
- problematische Nutzung
- suchtartige Nutzung
Die Grenze verläuft dabei nicht entlang der Stundenzahl. Bei unauffälliger und intensiver Nutzung ist das Internet zwar subjektiv wichtig, es kommt aber zu keiner Verschiebung der Prioritäten: Schule, Freundschaften und Hobbys behalten ihren Platz. Ab der exzessiven Nutzung beginnt das Verhalten andere Lebensbereiche einzuschränken, zunächst mit gelegentlichen, später mit wiederholten und nachhaltigen negativen Folgen.
Für die Diagnose einer Computerspielstörung nennt die WHO drei Kernmerkmale:
- Kontrollverlust: Ihr Kind kann kaum steuern, wann, wie oft und wie lange gespielt wird
- Vorrang des Spielens: Das Spielen wird wichtiger als andere Interessen und Alltagsaufgaben
- Weitermachen trotz Folgen: Das Spielen wird fortgesetzt, obwohl es bereits spürbar negative Konsequenzen hatte
In der Regel muss dieses Muster über mindestens 12 Monate bestehen. Eine solche Diagnose stellen ausschließlich Fachleute im Rahmen einer sorgfältigen Diagnostik.
Konkrete Warnzeichen im Alltag
Achtsam sollten Sie werden, wenn Sie über längere Zeit Folgendes beobachten:
- Hobbys und Freundschaften außerhalb des Bildschirms verlieren an Bedeutung
- Schulpflichten werden vernachlässigt
- Ihr Kind zieht sich sozial zurück
- Es kommt immer wieder zu heftigem Streit rund um die Mediennutzung
- Sport, Bewegung oder Körperhygiene werden vernachlässigt
- Außerhalb von Games oder Medien scheint Ihrem Kind kaum noch etwas Freude zu machen
Wie kann ich das Spielverhalten meines Kindes einschätzen?
Eine erste Orientierung gibt ein standardisierter Fragebogen. Wir bei klein&groß haben dafür die GADIS-A (Gaming Disorder Scale for Adolescents) als Online-Selbsttest umgesetzt. Der Fragebogen wurde am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am UKE Hamburg entwickelt (Paschke, Austermann & Thomasius, 2020) und richtet sich direkt an Jugendliche: Er fragt nach ihrem Spielverhalten in den letzten 12 Monaten.
→ Zum Selbsttest Computerspielverhalten
Wichtig: Ein Selbsttest ersetzt keine Diagnose. Er kann aber ein guter Anlass sein, mit Ihrem Kind ins Gespräch zu kommen, und eine hilfreiche Grundlage für ein Erstgespräch bei uns.
Was können Eltern konkret tun?
Die wichtigste Erkenntnis aus der Resilienzforschung ist zugleich die ermutigendste. Die Entwicklungspsychologin Emmy Werner hat gezeigt: Der stärkste Schutzfaktor für eine gelingende Entwicklung ist eine stabile, wertschätzende und emotional warme Beziehung zu einer erwachsenen Bezugsperson.
Der beste Schutz vor Mediensucht ist nicht das perfekte Zeitlimit, sondern eine Beziehung, in der Ihr Kind auch über seine Bildschirmwelt offen sprechen kann.
Darauf aufbauend helfen im Alltag vor allem diese Schritte:
- Über Dark Patterns sprechen: Erklären Sie Ihrem Kind, wie Apps und Games auf Bindung ausgelegt sind, und fragen Sie, welcher Mechanismus es selbst am meisten zieht. Wer den Trick kennt, fällt seltener darauf herein.
- Einen digitalen Sonnenuntergang vereinbaren: Legen Sie als Familie eine feste Uhrzeit fest, ab der abends alle Handys ausgeschaltet werden oder gemeinsam an einem Ladeplatz außerhalb der Schlafzimmer liegen. Für alle heißt dabei wirklich: auch für Sie als Eltern. Eine Regel, die für alle gilt, wird deutlich seltener als Strafe erlebt.
- Schützende Strukturen schaffen: Timer stellen, medienfreie Zeiten vereinbaren, etwa beim Essen, Push-Nachrichten gemeinsam abschalten
- Verbündete suchen: Mit Freund:innen gemeinsam begrenzte Spielzeiten verabreden, damit niemand das Gefühl hat, etwas zu verpassen
- Echte Alternativen erarbeiten: Nicht nur Bildschirmzeit wegnehmen, sondern gemeinsam überlegen, was die Bedürfnisse dahinter, also Anerkennung, Gemeinschaft, Erfolgserlebnisse, auch offline erfüllt
- Gute Spiele auswählen: Pädagogische Einschätzungen zu aktuellen Games finden Sie beim Spieleratgeber NRW
- Unterstützung beim Aufschieben: Oft dient der Bildschirm als Flucht vor unangenehmen Aufgaben. Helfen Sie Ihrem Kind, Hausaufgaben in kleine, machbare Schritte zu teilen.
Wie das im Familienalltag konkret aussehen kann, beschreibt Timo Lindenschmidt in seinem Beitrag Mediennutzung bei Kindern: Wie viel ist zu viel?
Welche Angebote zur Mediensuchtprävention gibt es in Köln?
Für Prävention und echte Freizeitalternativen ist in Köln der Mediensuchtprävention NRW e.V. eine sehr gute Anlaufstelle. Der Verein bietet unter anderem:
- Projekte für Jugendliche, z. B. „Netzpause – dein Abenteuer ohne Bildschirm“, bei dem Jugendliche Freizeitalternativen zum Medienkonsum erleben und das Hilfesystem kennenlernen
- Aufklärungsangebot, z.b. Nutri4Media macht sichtbar, welche Mechanismen Social-Media-Inhalte besonders aufmerksamkeitsstark, manipulierend oder potenziell suchtfördernd machen – vergleichbar mit einem Nutri-Score für digitale Inhalte
- Workshops, Fachtagungen und Fortbildungen, auch für Eltern, Schulen und pädagogische Fachkräfte in ganz NRW. Die Termine werden über die Schulen kommuniziert.
Weiterführende Links zum Thema, die wir Ihnen empfehlen:
Auf dem unabhängigen Informationsportal www.klicksafe.de finden Sie eine Vielzahl aktueller Informationen, praktische Tipps und hilfreiche Materialien zu digitalen Diensten und Themen. Wir haben die großartigen Infoflyer zu Themen wie Whatsapp oder TikTok ebenfalls bei klein&groß ausliegen.
Der unabhängige und komplett ehrenamtlich geführte Blog www.medienzeit-elternblog.de ist ein echtes Leuchtturmprojekt. Von Eltern für Eltern gibt es wahrscheinlich im Netz keine aktuellere Infos als auf Medienzeit.
Wann ist professionelle Hilfe sinnvoll?
Wenn die Warnzeichen über Wochen anhalten, Gespräche und Absprachen nicht mehr greifen oder die Situation die ganze Familie belastet, ist der richtige Zeitpunkt für Unterstützung von außen.
Was wir bei klein&groß dabei klar sagen: Wir schauen nicht nur auf die Bildschirmzeit, sondern darauf, welche Funktion der Bildschirm für Ihr Kind erfüllt. Geht es um Anerkennung, die im Alltag fehlt? Um Rückzug vor Druck in der Schule? Um Freundschaften, die nur noch online stattfinden? Erst wenn wir das verstehen, kann eine Verhaltenstherapie gezielt ansetzen.
Der Ablauf bei uns ist klar strukturiert: Einen Ersttermin erhalten Sie in der Regel innerhalb von 2 bis 4 Wochen. Danach folgen bis zu fünf probatorische Sitzungen, in denen wir Ihr Kind kennenlernen und bei Bedarf eine Diagnostik inklusive Fragebögen für Eltern und Lehrkräfte durchführen. Gemeinsam mit Ihnen entscheiden wir dann, welche Unterstützung passt.
Sind Sie noch unsicher, ob überhaupt Behandlungsbedarf besteht? Dann ist unsere Einzelsprechstunde ein guter erster Schritt. Freie Termine sehen Sie direkt in unserer Online-Terminbuchung.
Damit nicht die Probleme groß werden, sondern Ihr Kind.
